Wo Lehrer wieder zu Schülern werden: Erlebnisse im digitalen Klassenzimmer

Das wöchentliche 9-Uhr-Zoom-Meeting steht an, es ist 8:55 Uhr und die Klasse steht gerade erst auf. Im Gegensatz zu dem Lehrer, der schon seit 6 Uhr auf den Beinen ist, fertig angezogen und mit einer Tasse Kaffee in der Hand auf die Klasse wartet. Der Zoom-Link ist schon seit gestern Abend in der Cloud, umso größer die Verwunderung seitens des Lehrers, als sich um 9:05 Uhr noch keine SchülerInnen in der Zoom-Konferenz befinden. Die Ersten trudeln um 9:10 Uhr in dem Meeting ein, die Kamera ist aus und das Mikro stumm geschaltet, nicht einmal ein „Hallo“ ist drinnen: So groß ist der Unmut über die unmögliche Uhrzeit, welche der Lehrer gewählt hat. Nach mehrfacher Aufforderung, die Kamera anzuschalten, kommen die zehn anwesenden SchülerInnen der einunddreißigköpfigen Klasse dem schließlich doch nach. Die Meisten sitzen im Schlafanzug mit Müsli in der Hand und ungekämmten Haaren schweigend vor der Kamera. Freundlich begrüßt der Pädagoge auch ins Meeting eintretende Schüler, die gar nicht der Klasse angehören und toleriert Namen wie „ … is trying to reconnect“. Die Lehrkraft stellt Fragen über Fragen, doch es folgt immer nur eine peinliche Stille. Der naive Lehrer schiebt es, wie sollte es auch anders sein, auf die Verbindung, bis er schließlich unabsichtlich das Meeting beendet. Ob dem Lehrer klar ist, dass seine beiden kleinen Kinder im Hintergrund des Bildes rumalbern und wir nicht über seinen gerade gebrachten Witz lachen, sondern über seinen Nachwuchs, wissen wir bis heute nicht.
Dass seine SchülerInnen besonders fleißig und engagiert sind, merkt ein Lehrer, als er ein „freiwilliges“ Zoom-Meeting eröffnet (großer Fehler!) und niemand reinkommt. Daraus schließt er, dass es wohl an der Technik liegen müsse, stellt einen neuen Link rein und muss danach endgültig akzeptieren, dass seine SchülerInnen anscheinend tatsächlich nur faul sind und wohl nie sein Fach studieren werden. Wenn SchülerInnen die identischen Aufgaben hochladen, halten das unsere werten Mentoren für bloßen Zufall, das Wort „Gruppenarbeit“ müssen sie wohl nochmal im Duden nachschlagen.
Die Professionalität unserer LehrerInnen wird jedoch nicht nur während der Videokonferenzen unter Beweis gestellt, sondern auch beim Umgang mit der schuleigenen Cloud. Und das zu unserem Vorteil! Denn nicht selten kommt es vor, dass Lehrer gar keine Aufgaben oder gleich die Lösungen dazu hochladen. Nicht ausgeschlossen ist auch, dass man gute Rückmeldungen für Aufgaben aus fremden Kursen erhält, welche man gar nicht belegt. Zum Beispiel bekommen auch die Schäfchen aus der protestantischen Herde das Feedback des katholischen Hirten.
Abschließend lässt sich sagen, dass zu dieser Zeit die LehrerInnen zu SchülerInnen werden und es sich zeigt, dass auch sie nur Menschen sind. Vor allem im Bereich der Technik sollten wir ihnen mal Hausaufgaben aufgeben oder Nachhilfe erteilen. Aber wir wollen nicht klagen, denn ihre Fehler können sehr amüsant sein und sind häufig nicht zu unserem Nachteil.

Eine Glosse von Mariel Magill und Nina Lapp (9a).
Die Karikatur zeichnete Myrtho Politis (9c).

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