Exklusiv-Interview zur Coronasituation in Indien

Neu-Delhi / Fest Christi Himmelfahrt 2021 – Corona beherrscht im Moment unseren Alltag. Doch wie sieht es eigentlich am anderen Ende der Welt aus? Wir haben einen indisch-deutschen Pfarrer aus Neu-Delhi interviewt und nachgefragt, wie die Lage dort im Moment ist.

Lieber Herr Pfarrer Vattapparambil! Herzlichen Dank für Ihre Bereitschaft, uns trotz des Feiertags für ein Interview zur Verfügung zu stehen. Dürfen wir Sie bitten, sich kurz vorzustellen?

Guten Tag Liebe Schülerinnen und Schüler des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums, gerne stelle ich mich vor. Ich bin Pfarrer Jiji Vattapparambil, ich bin ein gebürtiger Inder und stamme aus Südindien, Kerala. Ich habe in Deutschland mein Theologie-Studium absolviert und wurde 2014 in Münster zum Priester geweiht. Dann war ich Kaplan in Beckum und danach war ich als Kaplan in Duisburg-Rheinhausen. Von da bin ich als Auslandspfarrer nach Indien geschickt worden. Außerdem bin ich 44 Jahre alt und neben meinem Dasein als Pfarrer bin ich noch gelernter Informatiker.

Wie ist die Corona-Lage in Neu-Delhi im Moment?

Im Moment verschlechtert sich die Lage. Tagtäglich sterben Menschen. Die offiziellen Zahlen sind um die 400, aber das sind keine richtigen Zahlen. Um ein Beispiel zu nennen: Allein in Neu-Delhi sterben pro Tag um die 20-30 Christen. Und Christen machen 1% der Bevölkerung aus. Dann können wir hochrechnen, wie viele das sind. Alles fehlt hier. Medizinische Unterstützung, Oxygengeneratoren etc. Die Zeit, bloß Masken zu tragen, ist leider vorbei. Wir brachen konkrete Unterstützung. Die offiziellen Behörden sagen, dass die Luft in Neu-Delhi voll ist mit Coronaviren. Und daher ist es sehr schwer.

Wie viel Alltag ist dort zurzeit möglich?

Alltag ist mittlerweile ein Traum geworden. Man kann kaum nach draußen gehen. Man bleibt die ganze Zeit in seiner Wohnung und in Neu-Delhi gibt es 20-30 Millionen Einwohner. Viele Leben in Hochhäusern und sind dann in ihrem kleinen Zimmer-Appartement sozusagen eingefangen. Momentan ist ein Lockdown. Es ist unbeschreiblich. Mir fehlen die Worte. Auch alle Märkte, wo Menschenmengen mal unterwegs waren, auf denen sind jetzt nur noch 10-15 Leute. Überall sind auch Polizisten, die kontrollieren. Natürlich tun die das nur zu unserem Besten, aber die Menschen wollen auch rausgehen und die frische Luft genießen. Aber die Luft ist momentan auch nicht so gut. Daher ist der Alltag zurzeit nicht möglich.

Wie wirkt sich das auf Ihren beruflichen Alltag aus?

Also, normalerweise haben wir jede Woche die Sonntagsmesse und dann einen Besuch bei der Deutschen Schule hier, einen Familienbesuch oder einen Konsulatsbesuch. So war es nicht nur in Neu-Delhi. Momentan ist das alles gestoppt. Unter anderem sammele ich zur Zeit Spenden aus Deutschland, um Menschen mit Medikamenten und Essen zu unterstützen, gebe Interviews, mache Menschen Mut. Auch verteilen wir Masken, Pulsoximeter, welche den Sauerstoffgehalt lesen können, und Oxygen-Konzentratoren. Diese Geräte kann man mit Wasser füllen und daraufhin entsteht Sauerstoff, den man inhalieren kann. Auch verteilen wir Geldspenden an gestrandete Menschen, die zum Beispiel in Waisenhäusern leben. Die haben auch alle Geldnot und Lebensmittelnot. Da helfen wir mit allen gegebenen Möglichkeiten.

Was vermissen Sie am meisten in dieser Zeit?

Am meisten vermisse ich konkret den direkten Kontakt mit meinen Gemeindemitgliedern. Sicher haben wir auch Zoom-Gottesdienst, Zoomkontakt und Telefonkontakt. Ich wünsche mir auch, dass die Leute wieder direkt hier, in unsere kleine Kapelle, kommen könnten. Wieder sich austauschen können, ihre Sorgen und Gespräche mithören und einfach daran teilhaben als Seelsorger. Das vermisse ich nicht riesig, aber ich wünsche mir, dass diese Situation zurückkommt und damit auch der Alltag.

Ich hoffe, dass ich alle eure Fragen beantwortet habe. Danke an alle Schülerinnen und Schüler. Danke, dass ihr bereit seid uns zu unterstützen. Vielleicht könnt ihr uns nicht mit Geld unterstützen, aber mit dem Gebet. So sind wir als eine Gemeinschaft unterwegs. Ich bedanke mich an alle, die die Initiative übernommen haben. Ich bedanke mich bei allen Schülerinnen und Schülern des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums.

Myrtho Politis (EF)

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