Ein Blick hinter die Kulissen bei der WM in Katar  

Ein Interview mit dem live vor Ort berichtendem Sportreporter Holger Dahl  

  1. Hallo Herr Dahl, zuallererst würde es uns sehr interessieren, wie es momentan in Katar als Reporter ist? Gibt es so etwas wie einen “WM-Geist”? 

  

Ja, tatsächlich ist so etwas sogar etwas ausgeprägter als bei anderen Weltmeisterschaften. Die 8 Stadien sind quasi in einer Stadt. Bei anderen Turnieren sind die Fans auf ein ganzes Land verteilt, jetzt sind alle in Doha. Das ist eher vergleichbar mit Olympischen Spielen und absolut ungewöhnlich. Gewaltbereite Personen aus dem Fußballumfeld haben die Reise nach Katar offenbar gar nicht erst angetreten. Fans aus Argentinien und Marokko feiern hier große Partys. Ich habe den Achtelfinal-Sieg von Marokko gegen Spanien übertragen. Die Stimmung war großartig. 

  

  1. In den Medien wurde viel diskutiert, wie streng die katarische Regierung vor Ort durchgreift und kontrolliert. Aus diesem Grund würden wir gerne erfahren, wie frei Sie sich außerhalb Ihrer Arbeitszeiten bewegen dürfen und ob Sie sich an bestimmte Regeln halten müssen? Außerdem haben wir uns die Frage gestellt, wie Sie sich fühlen, egal, welche Regeln greifen? Hat man manchmal vielleicht ein komisches Gefühl von Angst oder Unsicherheit im Bauch oder kommt das gar nicht vor? 

Wir können uns frei bewegen und tun das auch. Meine Kolleg:innen, die hier vor der WM schon recherchiert und gedreht haben, berichten von ganz anderen Erfahrungen. Es ist natürlich davon auszugehen, dass viel überwacht wird, ohne dass wir es direkt merken. Natürlich ist das Gefühl ein anderes, als zum Beispiel bei der vorletzten WM in Frankreich. Das gilt noch stärker für Frauen, wie mir eine Kollegin erst gestern beim Frühstück erzählt hat. Diskriminierung und Ausbeutung sind sehr wahrscheinlich gerade nur in einer Art Pause-Modus – das ist uns bewusst. Es wird interessant sein, im nächsten Jahr zu überprüfen, ob sich etwas mit der WM verändert. Unsere ARD-Korrespondentin wird das tun. Ich habe große Zweifel. 

  1. Seit vielen Jahren hört man Sie schon regelmäßig im Radio als Sportkommentator. Die Weltmeisterschaft ist daher bei Weitem nicht das erste sportliche Großereignis, das Sie durch Ihren Beruf miterleben. Wir würden gerne wissen, inwiefern sich Katar 2022 von anderen internationalen Wettkämpfen unterscheidet, besonders im Hinblick auf die Stimmung und alles außerhalb der Berichterstattung. 

Ich war tatsächlich schon bei einigen Sportevents in kritisch zu betrachtenden Ländern, z.B. bei den Olympischen Spielen in Peking – auch die WM vor vier Jahren in Russland stand unter schwierigen Vorzeichen, erst Recht aus heutiger Sicht. Das aktuelle Olympia-Feeling in der Stadt habe ich ja schon angesprochen. Die Tatsache, dass hier öffentlich kein Alkohol ausgeschenkt wird, nehme ich im Umfeld eines Fußball-Turniers tatsächlich gerade positiv wahr. Es ist auf jeden Fall wirklich schräg, in der Vorweihnachtszeit bei 30 Grad in zum Teil klimatisierten Stadien zu sitzen. 

  

  1. Das Drama um die “One Love”-Armbinde war groß, besonders, als die FIFA den Spielern verbot, sie zu tragen. Zu politisch sei das Zeichen, das damit gesetzt werde. Dadurch landete die Armbinde in einer Schublade mit den Trikots der dänischen Nationalmannschaft mit dem Slogan “Human right for all” (“Menschenrechte für alle”) und den iranischen Nationalspielern, die sich bei ihrem ersten Spiel weigerten, ihre Hymne zu singen. Und zwar in der Schublade, in die alles gestopft wird, was die FIFA als “zu politisch” abstempelt, denn laut ihnen sollte man sich “auf den Fußball konzentrieren“ und den Sport nicht „in jede ideologische oder politische Schlacht“ hineinziehen. Wären Sie, Herr Dahl, jetzt aber nicht als Kommentator angereist, sondern als Kapitän einer Fußballmannschaft zur Zeit in Katar, würden Sie die „One Love“-Armbinde, trotz der dann drohenden Strafen, tragen? 

Das ist ja nicht die Entscheidung eines Kapitäns, sondern eines Teams oder sogar Verbandes. Ich habe mit einigen Beteiligten über die „One Love“-Kapitänsbinde gesprochen und kann verstehen, dass der DFB das nicht durchgezogen hat. Am Ende muss man ja leider sagen, dass die DFB-Elf die einzige Mannschaft war, die dann mit ihrer Geste vor dem ersten Spiel überhaupt etwas zur Situation im Gastgeberland und zur FIFA ausgedrückt hat. Beim Iran ging es um ein anderes Anliegen. Nach unseren Sportschau-Informationen wollten nur ganz wenige Spieler wirklich ein Zeichen setzen. Das finde ich traurig. Aber als direkte Antwort auf eure Frage: Ich hätte das an Manuel Neuers Stelle nicht alleine durchgezogen. Als Reporter habe ich übrigens ein T-Shirt mit Regenbogenfarben dabei und hatte es auch schon bei Spielen im Stadion an. 

  1. Sie sind jetzt in beruflichem Sinne als Reporter bei der Fußballweltmeisterschaft vor Ort. Uns würde allerdings sehr interessieren, ob Sie, wenn dem nicht so wäre, die WM trotzdem schauen oder lieber boykottieren würden.  

  

Wenn ich nicht vor Ort wäre, hätte ich auch von zu Hause beruflich mit der WM zu tun. Aber mal angenommen, ich wäre kein Sportjournalist – auch dann hätte ich als Fußballfan Spiele geschaut. Ich kenne aber einige Menschen, die die WM boykottieren und kann das verstehen. Klar ist aber auch, dass man dann eine Menge Dinge mehr hinterfragen sollte. Wie ist die Situation in Ländern, die wir im Urlaub besuchen? Oder sportlich: Sollte man Clubs wie Paris St. Germain oder Manchester City supporten, die aus Katar oder Abu Dhabi finanziert werden? Das sind nur 2 Beispiele. Ich arbeite gerne beim WDR und damit im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk, wo wir auch Hintergründe beleuchten. Ich habe vor der WM an Dokus oder Podcasts zur Lage in Katar mitgearbeitet. Das war mir wichtig. Jetzt berichte ich von vor Ort – das gehört auch dazu. 

Katharina Eltzschig, Lelia Mühlenbein, Hannah Westphal (alle 8c) 

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